"Thinking outside the box!" - Interview zum Welttag des Industriedesigns

29. Juni 2017 | Autor: Andreas Schulze (a/s schulze industrial design)

Der 29. Juni ist Welttag des Industriedesigns. Doch was ist gutes Industriedesign? Und wie arbeiten Industriedesigner, das heißt welchen Anteil an der Produktentwicklung haben Sie? Wir haben Andreas Schulze befragt, mit seinem Unternehmen a/s schulze industrial design Mitglied im IHK-Netzwerk Design to Business.

Wie sieht ein typischer Tag im Leben eines Industriedesigners aus?

Das Schöne für mich als selbständiger Industriedesigner: So einen ganz typischen Tag gibt es nicht. Abwechslung ist bei uns der Standard! Je nach Projekt und Auftraggeber hat man mit unterschiedlichen Personen, Prozessen und Strukturen zu tun. Je nach Projektphase haben wir Tage, die der Analyse, der Ideenentwicklung oder der 3D-Konstruktion gewidmet sind. Entsprechend unterschiedlich ist die mentale Herangehensweise, sind unsere Arbeitsmittel, ist die Projektkommunikation.

Wie kann man Industriedesign zur Stärkung der Marke nutzen?

Ein einzelnes, gut gestaltetes Produkt kann für ein Unternehmen erhebliches Potenzial entfalten und zum Wachstum beitragen. Industriedesign als Prozess wirkt aber im Unternehmen auf vielschichtige Weise und wird deshalb auch oft strategisch eingesetzt. Zum Beispiel bei unserem Kunden VITRONIC haben wir früh mit Produktdesign für die unterschiedlichen Geschäftsfelder begonnen und waren dabei von Beginn an bestrebt, ein authentisches, wiedererkennbares Bild der Marke VITRONIC zu transportieren. Inzwischen hat sich VITRONIC als Unternehmen und als Marke stark entwickelt und das Design ist mit allen seinen Sparten wichtiger Faktor um einen kohärenten Eindruck der Marke zu vermitteln.


Für uns Designer hat die Perspektive der Nutzer stets Priorität.

Andreas Schulze

Wie lange dauert ein Designprozess von der ersten Idee bis zur Serienfertigung und was muss alles berücksichtigt werden?

Der Designprozess von der Idee bis zur Serienfertigung folgt zwar typischerweise stets der gleichen Systematik. Allerdings sind unsere Auftraggeber und Projekte doch meist so unterschiedlich, dass sich das nicht pauschal sagen lässt. Typischerweise beginnt unsere Arbeit mit einer Analyse, die uns ermöglicht, die Rahmenbedingungen des Projektes zu erfassen und ein erstes Verständnis davon aufzubauen. Für uns Designer hat die Perspektive der Nutzer stets Priorität. Daraus ergeben sich zum Thema Funktionalität und Benutzung manchmal recht überraschende Schlussfolgerungen für alle Projektbeteiligten.

Wichtigster Abschnitt unserer Arbeit ist generell die Phase, die bei uns "Designkonzept" heißt. Das ist ein Kreativprozess, bei dem wir in Abstimmung mit dem Auftraggeber über mehrere Schleifen Ideen entwickeln und diese zu geeigneten Konzeptvorschlägen verdichten. Am Ende steht die Auswahl des Designkonzeptes mit den Merkmalen, die besonders geeignet scheinen. Im nachfolgenden Entwurfsprozess werden mögliche Varianten entwickelt und Details zum ausgewählten Konzept ausgearbeitet. In dieser Phase wird alles bereits für die Serienfertigung ausgelegt. Bei unseren Projekten steht dann meist ein seriennaher Prototyp am Ende. Damit sind also Werkstoffe und Fertigungsverfahren weitgehend geklärt, es gibt 3D Daten, die Farbgebung und Produktgrafik sind zu 90% festgelegt.

In der Realisierungsphase arbeiten wir dann mit unserem Auftraggeber und den ausgewählten Lieferanten daran, das Design so genau wie möglich im Serienprodukt umzusetzen. Dafür beschäftigen wir uns beispielsweise mit der Farbabmusterung, dem Aufbringen der Produktgrafik, dem Glanzgrad der Oberflächen und ähnlichem.

Funktion oder Form/Design? Oder beides?

Für mich ist Industriedesign die gelungene Einheit von Form und Funktion. Als ich in den 80er-Jahren mein Studium in Essen absolvierte, verwendeten wir den Begriff "Styling" abwertend für eine Art der Formgestaltung, die sich in übertriebener Weise dem formalen Ausdruck eines Produktes widmet und die Funktionalität vernachlässigt. Gleichzeitig gab es mit "Memphis" damals eine starke Bewegung, um einer rein rationalen Designauffassung etwas Fantasievolles, Verrücktes und Zweckfreies entgegenzusetzen.

Wir bedanken uns bei Ihnen, Herr Schulze, für das Gespräch.